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Peter Bichsel, “Amerika gibt es nicht”
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Peter Bichsel, “Amerika gibt es nicht”

ABONE OL
21 Nisan 2019 09:33
Peter Bichsel, “Amerika gibt es nicht”
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ABONE OL

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Analyse
2.1 Sequenz 3
2.2 Ordnung 4
2.3 Geschwindigkeit 5
2.4 Frequenz 7
2.5 Modus 8
2.6 Stimme 9

3 Schluss 10
4 Anhang: Peter Bichsel: ,,Amerika gibt es nicht”

EINLEITUNG

Der Autor Peter Bichsel wurde am 24.3.1935 in Luzern/Schweiz geboren und lebt derzeit in Bellach bei Solothurn. Seine Kurzgeschichte ,,Amerika gibt es nicht” ist dem Buch ,,Kindergeschichten” entnommen, das erst mal 1969 erschien. Spricht der Titel doch relativ deutlich eine junge Zielgruppe an, so wird bei der Lektüre des Buches schnell deutlich, dass dies keinesfalls restriktiv zu verstehen ist – oder, wie im Klappentext geschildert – ,,von Sechs- wie von Siebzigjährigen gelesen, verstanden auf je den verschiedensten Stufen des Verstehens”1.
Es ist die Geschichte einer Sage, die man sich erzählt, von einem Hofnarren eines spanischen Regenten, der vorgibt, ein Land entdeckt zu haben, und all jene, die sich fortan auf die suche nach diesem Landmachen, stimmen ihm zu, um nicht zugeben zu müssen, sie hätte das Land nicht gefunden. Dieses Land ist Amerika, der Hofnarr Kolumbus Die Frage, ob wir wirklich glauben sollen, was wir nicht selbst gesehen haben, beschäftigt vor allem Kinder, hier erfährt sie aber eine Allgemeingültigkeit für eine große Leserschaft, vermittelt nicht nur unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten, sondern interessiert dadurch vor allem auf stilistischer und erzähltechnischer Ebene und bei genauerer Betrachtung durch das Wechseln der Modi.




2 Analyse

2.1 Sequenz

Die Geschichte kann in sieben Sequenzen eingeteilt werden. Die erste ist der erste Teil der Basiserzählung2. ,,Ich habe die Geschichte von einem Mann, der Geschichten erzählt”3 ist eine Aussage aus der Gegenwart, die auf den Mann hinweist, mit dem der Erzähler eine Konversation (2.Sequenz) geführt hat4. Die dritte Sequenz beginnt mit der Erzählung von der Geschichte eines Hofes und deren alltäglichen Begebenheiten und Geschehnissen, bevor dieser Strang unterbrochen wird5, um auf vorhergegangene Ereignisse einzugehen. Schließlich springt die Geschichte zu einem konkreten Zeitpunkt: ,,Nun kaufte sich der König den schrecklichsten Narren der Welt”6, und die Geschichte in einem Erzählstrang zu Ende erzählt wird, bis die Basisgeschichte, die wie eine Klammer fungiert, wieder aufgegriffen wird7, ebenfalls wieder aufgegliedert in zwei zeitliche Ebenen: Der Monolog des Gesprächspartners8 aus der Vergangenheit und die darauffolgende siebte und letzte Sequenz aus der Gegenwart9 Diese Sequenzen können in dem Schema

ABCDEFG

dargestellt werden. Die zeitliche Anordnug lautet

5421345,

so dass sich eine Ordnung nach Todorov von

A5B4C2D1E3F4G5

ergibt.

2.2 Ordnung

Der Erzähler greift sowohl in der Basisgeschichte als auch in der darauffolgenden intradiegetischen Erzählung immer wieder zeitlich zurück. So beginnt die Erzählung von der unglaubwürdigen ,,Geschichte” (die ich hier der Klarheit wegen ,,Sage” nennen möchte), in dem auf ihren Vortrag und des Erzähler eingegangen wird. Es handelt sich hierbei um eine homodiegetische (weil die ,,Sage” und den ,,Mann” betreffend) interne (das Gespräch stellt den Anfang der Basisgeschichte dar) Analepse.
Die gesamte Basisgeschichte kann als eine Art Epilog, eine externe (nicht zur ,,Sage” gehörende) Prolepse betrachtet werden, die inhaltlich komplett ist – der direkte Übergang lautet: ,,Ich versprach ihm, um ihn zu trösten, seine Geschichte aufzuschreiben”10 – während sie zeitlich gesehen partiell ist, denn es existiert zwischen dem Versprechen und dem tatsächlichen Aufschreiben eine implizite Ellipse.
Die ,,Sage” beginnt ,,vor fünfhundert Jahren”11 und schildert die Situation am Hofe des Königs, wie sie damals gewesen ist. In einer internen Prolepse, die homodiegetisch ist, weil sie im Erzählstrang der Hofnarren zurückgeht und eine weitere Episode davon erzählt, die sich ,,einmal”12 – nämlich vor mehr als fünfhundert Jahren – ereignet hat; dies entspricht der Sequenz D1.
Gekennzeichnet durch die Zeitbestimmung ,,nun”13 springt die ,,Sage” wieder in die Zeit ,,vor fünfhundert Jahren” und schließt an die allgemeinen Schilderungen am Hofe an.14 Hier nun wird die Kerngeschichte der ,,Sage” chronologisch erzählt, die die verhindertet Hinrichtung Hänschens und Columbins erfundene Entdeckung Amerikas schildert und mit dem Ausruf ,,Amerika gibt es!”15 die ,,Sage” abschließt, wobei der letzte Absatz, als komplette externe Prolepse bezeichnet werden kann, da er Kolumbus weiteres zukünftiges Leben kurz schildert16.
Mit ,,`Ich`, sagte der Mann”17 wird die Basisgeschichte wieder aufgegriffen und zwar so, dass der Eindruck entsteht, der Mann habe die eben gehörte Geschichte erzählt und nicht der Erzähler der vorhatte sie aufzuschreiben. Die Klammer schließt sich, als der Erzähler – nun wieder in der Gegenwart – erneut das Wort ergreift: ,,Vielleicht erzählt man den Leuten (…)”18 und mit dem Ende von Sequenz G5 auch die Erzählung zum Ende führt.

2.3 Geschwindigkeit

Die Basisgeschichte beginnt mit einer Summary: ,,Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass ich seine Geschichte nicht glaube”19, die dann einzeln betrachtet wird. Die Ausrufe des Erzählers werden unmittelbar in zitierter direkter Rede wiedergegeben20, während die seines Gesprächspartners nur in der Erwähnung des sprachlichen Aktes ,,Er erzählte ruhig weiter” 21bevor nach einem kurzen zeitraffenden Erzählen (,,da schaute er mich lange an”)22 auch er in direkter Rede mit der Kernaussage der Erzählung zitiert wird – ,,Amerika gibt es nicht”23.
Die ,,Sage” beginnt mit einer Summary des höfischen Lebens, die kurze Eindrücke substantivisch beschreibt, und wird zum erstenmal szenisch unterbrochen, als ,,eines Tages”24 der König spricht: ,,Hänschen, ich hänge dich auf.”25 Von nun an geht die Geschichte ihrem Höhepunkt entgegen, und so wird auch das Erzähltempo straffer, implizite Ellipsen seltener und kürzer26, bevor ein komplett szenisches Erzählen einsetzt27, um Spannung aufzubauen und das Verhältnis zwischen dem König und Colombin näher zu definieren.
Der Charakter Colombins selbst wird auf den folgenden Seiten präziser geschildert28. Dabei handelt es sich um nicht genau definierte Zeitpunkte, zu denen die kurzen Sätze gesprochen werden, vielmehr sind sie exemplarisch aneinandergereiht, so dass sie trotz Szenenhaftigkeit nicht als zeitdeckend, sondern zusammenfassend und zeitraffend betrachtet werden müssen.
Diese elliptische Erzählweise wird plötzlich durch einen fast unmerklich Übergang wieder zeitdeckend und konkret, und zwar in dem Moment, als die Frage des Königs, die stilistisch (s.a. Frequenz) an die deranderen angeglichen ist, direkt in ein szenisch geschildertes Gespräch übergeleitet wird29. Mit dem Ende des Gespräches endet auch der explizit geschilderte Teil der ,,Sage”.
Colombin rennt ,,aus dem Schloß, in die Stadt und über das Feld”30, und versteckt sich ,,wochenlang unter den Büschen, und wochenlang hörte niemand etwas von Colombin”31. Die Erlebnisse außerhalb des Hofes werden raffend dargestellt, bis Colombin ,,nach Wochen”32zurückkehrt und mit ihm das zeitdeckende Erzählen, und zwar bis zum Ende seiner Rede, an der eine hypothetische Ellipse steht, da anzunehmen ist, dass einige Zeit zwischen dem Gespräch mit dem Seefahrer Amerigo Vespucci und dem Moment, da ,,er wusste, dass es das Land nicht gibt,” und er ,,nicht mehr schlafen” konnte33. Die Zeit von Vespuccis Reise und die Vermutungen darüber sind wie schon bei Colombins Reise erneut raffend, bis der Seefahrer zurückkehrt und eine weitere Szene geschildert, die mit Colombins Umbenennung ,,Kolumbus”34 endet. Der folgende Part ist eine Summary vom weiteren Leben Kolumbus35. Anschließend kehrt in der Sequenz F4 der ,,Mann”, der Gesprächspartner des Erzählers zurück und wird in direkter Rede zitiert36, bis schließlich in einer Art Bewusstseinsbericht der Erzähler die Erzählung abschließt37.

2.4 Frequenz

Die Geschichte beginnt bereits mit einem recht ungewöhnlichen Typen der Frequenz. Dadurch, dass der Erzähler die wiederholten Beschimpfungen auch wiederholt niederschreibt, ,,sie lügen, sie schwindeln, sie phantasieren, sie betrügen”38, ,,sie Lügner, Sie Schwindler, Sie Phantast, Sie Betrüger”39 entsteht eine singulative Erzählweise, die tatsächlich in der Kinderliteratur eine Häufung hat. Bemerkenswert ist außerdem, dass es sich praktisch um zwei Wiederholungen ineinander handelt. Zum einen sind die verwendeten Beschimpfungen synonym, wiederholen sich also in ihrer Bedeutung, zum anderen, werden diese Verben in substantivierter Form bei der zweiten Beschimpfung erneut verwandt. Es handelt sich dabei um die einfachsten Variante, eine Unglaubwürdigkeit zum Vorwurf zu machen – sowohl in Hinblick auf den Satzbau (1.Subjekt/Prädikat, 2.Vokativ), als auch in inhaltlicher Weise (Anschuldigung ohne Argument).
Die ,,Sage” beginnt iterativ mit einem kurzen, exemplarischen Ablauf einiger höfischer Tagesabläufe: da sind ,,auf dem Turm fanfareblasende Wächter. Und Boten, die vom Pferd springen und Boten, die sich in den Sattel werfen (…)”40 Hier handelt es sich um eine zusammenfassende Iteration, verstärkt wird der monotone Ablauf am Hofe durch die Anapher ,,und Boten (…) und Boten”. Der Erzählstil kann diesem Fall einer gewissen Ironie nicht entbehren, wenn von ,,Höflingen, die sich im Morgengrauen gegenseitig die Degen in die Bäuche rennen, die sich am Abend zuvor den Fehdehandschuh vor die Füße geschmissen haben”41, die Rede ist, wird doch so impliziert es fände jeden Tag eines solches Duell statt – pseudo-iterativ – was natürlich längst nicht der Fall sein kann, kindlichen Lesern aber das Geschehen plastischer darstellt.
Der Tagesablauf des Königs wird ebenso in Anaphern iterativ erzählt42, dabei entsteht eine Einheit zwischen der Langeweile des Königs und dem ,,langweiligen” Erzählstil des Erzählers. Pseudo-Iterativ ist wiederum die Schilderung der Verbeugungen, die als ,,jeden Morgen gleich tief”43 beschrieben werden, was sie vorschriftsmäßig am Hof wahrscheinlich sein sollen, aber selbstverständlich nicht sein können, ebenso wenig haben die Diener dem König heute gesagt, was sie ihm ,,gestern schon gesagt” 44haben, es ist lediglich ein Ausdruck zur Beschreibung einer Monotonie.
Die folgenden Passagen der szenisch gestalteten Ereignisse sind rein singulativ erzählt: Sie geschehen genau einmal und werden einmal erzählt. Hiermit wird der langweilige Alltagstrott des Hofes durch die Episoden der Hofnarren sowohl inhaltlich, als auch erzähltechnisch im Sinne einer Klimax aufgelockert und abgegrenzt. Unterbrochen wird das konsekutive Erzählen zur Charakterisierung Colombins: Es werden drei Situationen, in denen Colombin etwas gefragt wird, repititiv eingeleitet mit ,,Wenn jemand sagte (…)”45. Diese Erzählweise umschreibt die Hilflosigkeit Colombins, der, in egal welcher Situation, stets der Unterlegene ist.
In der letzten Sequenz pauschalisiert der Erzähler wieder, ,,auf jeden Fall erzählen alle dasselbe und alle erzählen Dinge (…)”46, so dass erneut ein Pseudo-Iterativ entsteht.




2.5 Modus

Durch den vorangeschobenen Epilog, der explizit auf die im folgende erzählte Geschichte als ,,Geschichte” oder ,,Sage” hinweist, kann hier zunächst von einer einfachen, ,,reinen” Erzählung (Diegesis) gesprochen werden. Die ,,Sage” beginnt im narrativen Modus, der Erzähler beschreibt aus zeitlicher Distanz, wie oben erläutert wurde. Sie wechselt in den dramatischen Modus mit dem Beginn von Sequenz D1 in dem Moment, wo die Geschehnisse am Hof explizierter dargestellt werden. Mit diesem Bruch des Modus wechselt auch die Erzählzeit vom Präsens ins Praeteritim, um das sagenhafte der Geschichte zu unterstreichen47.
Der Erzähler bleibt anfangs präsent, er schildert die Geschichte aus einer zeitlichen Distanz (,,vor fünfhundert Jahren”48), verliert sich während der ganzen Geschichte nicht in beschreibenden Einzelheiten, greift aber dennoch an zwei Stellen im dramatischen Modus kommentierend in die Geschichte ein. Zunächst äußert er sich zu den Späßen der Hofnarren negativ: ,,Ich finde das blöd, der König fand das lustig”49, dann, ebenfalls wieder die Erzählzeit vom Praeteritum ins Präsens zurückwechselnd, fügt er eine Erklärung aus zeitlicher Distanz in die Geschichte ein: ,,Niemand weiß, wohin er gefahren ist.”50 In beiden Fällen geschehen diese Einschübe des Erzählers als nähere Erläuterung für den Leser oder Zuhörer.
Mit Sequenz F4 wird die Klammer geschlossen und der Modus ist wie zu Beginn narrativer Art, die Erzählzeit das Präsens.

2.6 Stimme
Beide Erzählungen, nämlich die Basisgeschichte und die ,,Sage” finden an zwei verschiedenen Orten zu zwei verschiedenen Zeiten statt. Die Basisgeschichte ist nicht genau zu bestimmen, sie wird in der Gegenwart geschildert, der Ort ist vollkommen offen. Die ,,Sage” spielt vor fünfhundert Jahren am Hofe eines spanischen Königs, wann sie genau beginnt und endet ist nicht determiniert, Colombin kehrt ,,nach Wochen”51 an den Hof zurück, daraufhin unternimmt Vespucci seine Reise und anschließend heißt es: ,,Bald fuhren aber andere Leute nach Amerika (…)”52. Die Basiserzählung ist dabei extradiegetisch und eine Rahmengeschichte, es ist das einfache Erzählen. Die ,,Sage”, die als Binnengeschichte fungiert, ist dabei intradiegetisch, liegt also auf einer zweiten Ebene, denn sie stellt das erzählte Erzählen dar. Da der Erzähle ja in der Rahmengeschichte (siehe Modus) auftaucht, ist er zunächst ein homodiegetischer Erzähler, hier Stimmen Autor, Erzähler und Figur miteinander überein, so dass fast von einem kurzen autobiographischen Absatz gesprochen werden kann, bevor er in der erzählten Binnengeschichte als Charakter nicht mehr präsent ist und sich auf dieser Ebene ein Wandel zum heterodiegetischen Erzähler vollzieht. Ob hier Autor und Erzähler noch als eine Figur betrachtet werden können, ist nicht endgültig zu klären. ,,Ich versprach ihm, um ihn zu trösten, seine Geschichte aufzuschreiben”53, heißt es im Text. Das bedeutet, dass die folgende ,,Sage” ja von seinem Gesprächspartner stammt und auch erzählt wurde. Meiner Meinung nach spielt es hier aber keine Rolle, wer von beiden der Erzähler ist, oder ob beide zu einem Erzähler verschmelzen. Im zweiten Teil der Rahmengeschichte sind sie wieder klar trennbar54.

3 Schluss

Es handelt sich hier um eine typische ,,Erzählgeschichte” – eine Geschichte, die vom Erzähler so aufgeschrieben wurde, wie er sie ,,erzählt bekommen hat”, was natürlich rein fiktional ist, und so, als würde er sie mündlich weitergeben, eine Sprache voller Bilder. Und weil sie – wie der Titel des Bandes deutlich macht – primär an Kinder adressiert ist, so ist auch die Sprachgestaltung in diesem Sinne zu verstehen, die die Vorgänge oft iterativ erzählt und eine komplexe Darstellungsweise, sowie differenzierte Schilderungen vermeidet und zugunsten von eindringlichen, plastischen Schilderungen, die Katalysen oft raffend erzählt. Aber gerade die vielen Iterative und Pseudo-Iterative funktionieren auch auf einer zweiten, an den älteren Leser adressierten Ebene: Der Ironie. Durch das täglich gleiche Geschehen und das verhalten der Diener am Hofe, wird im Subtext Sozialkritik ausgeübt. Und wenn der Titel der Geschichte ,,Amerika gibt es nicht lautet, so impliziert diese Geschichte, dass nicht alles, was
Das zeitdeckende Erzählen ist vor allem für Kinder von großer Bedeutung, um relevantes von irrelevantem zu differenzieren und eine größere Identifikation mit der Geschichte oder ihren Figuren herbeizuschaffen.

 

Ein Tisch ist ein Tisch
 

Ein alter Mann bewohnte ein Zimmer in der obersten Etage eines Eckhauses. Kaum unterschied er sich von anderen seinesgleichen. Zum Inventar seines Zimmers gehörten zwei Stühle, ein Teppich, ein Bett, ein Schrank und ein Tisch, auf dem ein Wecker stand sowie alte Zeitungen und ein Fotoalbum lagen. An der Wand hingen ein Spiegel und ein Bild. Morgens und nachmittags machte der alte Mann einen Spaziergang und sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn. Abends saß er an seinem Tisch, wo er fortwährend den Wecker ticken hörte.

In dieser farblosen Eintönigkeit gab es dann einmal einen Tag, der nicht so war wie alle andern. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, und die Leute waren freundlich. Das alles gefiel dem alten Mann. Er lächelte und freute sich. “Jetzt wird alles anders”, dachte er. Als er aber in sein Zimmer zurückkehrte und sich wieder an seinen Tisch setzte, hörte er erneut den Wecker ticken. Im Nu war seine Freude verschwunden. Da überfiel ihn die Wut. “Es muß sich ändern”, schrie er wiederholt vor sich hin. “Immer dasselbe, dieselben Stühle, das Bett, der Tisch…!” Völlig verkrampft stand der alte Mann im Zimmer. Er war entschlossen, alles zu ändern. Er nannte das Bett “Bild”, den Stuhl “Wecker”, den Tisch “Teppich”, die Zeitung “Bett”, den Spiegel “Stuhl”, den Wecker “Fotoalbum”, den Schrank “Zeitung”, den Teppich “Schrank”, das Bild “Tisch”, und zum Fotoalbum sagte er “Spiegel”. So blieb er des Morgens im Bild liegen, bis um neun das Fotoalbum läutete. Dann erhob er sich und stellte sich auf den Schrank und nahm seine Kleider aus der Zeitung. Er schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich und schaute den Wandspiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.
Der alte Mann fand dieses Verfahren lustig. Deshalb gab er auch den übrigen Dingen des Lebens eine neue Bezeichnung und vergaß dabei mehr und mehr die richtige. Mit der Zeit übte er sich darin so sehr, daß er eine neue Sprache hatte, die ihm ganz allein gehörte. Wenn er die Leute reden hörte, mußte er lachen, weil er all das, was sie sagten, nicht mehr verstand. Aber diese Geschichte, die einen traurigen Anfang hatte, fand auch ein trauriges Ende. Daß er die Leute nicht mehr verstehen konnte, war nicht so schlimm. Das viel größere Übel war, daß er von niemandem verstanden wurde. Daher schwieg er und sprach nur noch mit sich selbst.

Vgl. Peter Bichsel, Ein Tisch ist ein Tisch, aus: Kindergeschichten, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin 1970, S. 21-31.

Es ist unverkennbar, daß die soziale Entwicklung den alten Menschen unserer Tage in seinem Selbstwertgefühl tief erschüttert hat. War er früher als “Oberhaupt” seiner Familie anerkannt und wegen seiner Weisheit, Lebenserfahrung und Abgeklärtheit geachtet, so ist er heute an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Die hierarchisch gestufte Großfamilie gibt es nicht mehr, und immer neue Erkenntnisse lassen bisherige Erfahrungen sehr schnell veralten. Zu diesen Schwierigkeiten, die sich durch die moderne Entwicklung ergeben haben, kommen jene, die zwangsläufig mit dem Prozeß des alterns verbunden sind. So treten beispielsweise die emotionalen und charakterologischen Eigenheiten deutlicher hervor. Aus diesem Grund nimmt im allgemeinen die Anpassungsfähigkeit ab, was zu einer Verringerung der mitmenschlichen Kontakte führt und das Innere des alten Menschen mit einem tiefen Einsamkeitsgefühl erfüllt. Durch das subjektive Erleben, nicht mehr gebraucht zu sein, wird seine Motivation stark herabgesetzt, so daß er zu keiner größeren Arbeitsleistung Lust verspürt. Wenden wir uns von hier aus jener sonderbaren Geschichte zu. Ihren Rahmen bilden die Worte: “Sie hat einen traurigen Anfang und hört traurig auf.” Der traurige Anfang liegt zunächst darin, daß es für den alten Mann keinen Menschen gab, der sich um ihn persönlich gekümmert hätte. Obwohl er zweimal täglich unter die Leute ging und mit seinen Nachbarn ein paar Worte wechselte, fühlte er sich einsam und allein. Aber vielleicht waren diese Einsamkeit und das Alleinsein nicht die größte Not seiner alten Tage. Was ihm offensichtlich am meisten zusetzte, waren die tödliche Langeweile und die farblose Eintönigkeit, die ihn überfielen, sobald er in seinem Zimmer saß. Warum ging ihm dann das Ticken seines Weckers so schrecklich auf die Nerven? Der alte Mann wußte mit sich selbst nichts anzufangen. Durch das tatenlose Herumsitzen an seinem Tisch, auf dem es außer einigen alten Zeitungen, einem Fotoalbum und dem Wecker nichts gab, war er äußerst empfindsam und reizbar geworden. Daher verwundert es nicht, daß seine innere Unzufriedenheit immer größer wurde. An jenem Tag, der nicht so war wie alle anderen, schwor er sich, diesen trostlosen Zustand zu ändern. Was ihm an der strahlenden Sonne, den zwitschernden Vögeln und den freundlichen Menschen gefiel, wollte er seinerseits schöpferisch hervorbringen. Doch es gelang ihm nicht. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Seine Verkrampfung zeigt, wie deutlich er sich bewußt war, daß seine Lage nur durch eine schöpferische Tat verändert werden konnte. Weil er darin aber nicht geübt war, wurden die letzten Dinge ärger als die ersten. Die neue Sprache, die er schuf, mußte jede weitere Kommunikation unterbinden und ihn selbst in die totale Isolation treiben. Das Ergebnis: “Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehn, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehn. Und deshalb sagte er nichts mehr.”

Die Geschichte von Bichsel gibt uns zu verstehen, wie wichtig es ist, sich beizeiten auf das alter vorzubereiten. Nicht wenige sagen sogar, daß damit bereits in der Kindheit begonnen werden muß. Obwohl in diesem Zusammenhang vieles zu sagen ist, wollen wir uns hier auf drei wesentliche Hinweise beschränken. Zunächst sollten wir uns bewußt machen, wie bedeutsam es für das Gelingen der altersphase ist, unsere schöpferischen Kräfte und Fähigkeiten zu entfalten. Wenn wir bedenken, daß heutzutage für viele jüngere Menschen die arbeitsfreie Zeit eine drückende Last bedeutet und die ersten Urlaubstage nicht wenige in eine ernste Krise führen, wenn wir hinzunehmen, daß achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung ohnehin nur das tun, was man tut, dann erahnen wir, wie wenig unsere schöpferischen Kräfte entwickelt sind und wie schwer es uns eines Tages werden kann, die freie Zeit im alter sinnvoll zu gestalten. Bemerkenswert ist auch, was Professor Hans Franke von der Universität Würzburg feststellt. Nachdem er zweihundertachtzig Hundertjährige untersucht hat, kommt er zu dem Ergebnis, daß diejenigen sich am wohlsten fühlten, die es in ihren jüngeren Jahren verstanden hatten, sich neben ihrer Berufsarbeit dem Persönlichen zuzuwenden, ein Interesse für geistige Dinge zu entwickeln und so ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten.




Darüber hinaus sollten wir nicht übersehen, daß jeder Mensch – ob jung oder alt – im letzten und tiefsten alleine ist. In gewisser Weise ist jedes Geschöpf allein. Man denke beispielsweise an die Sterne, die in Einsamkeit ihre Bahn ziehen; man denke an den Baum, der sich nach seinen eigenen Gesetzen entwickelt; an das Tier, das sein eigenes Schicksal hat. So ist auch der Mensch letztlich allein. Er ist es mehr als alle anderen Geschöpfe, denn er weiß, daß er alleine ist. Wissen wir es wirklich? Oft erst dann, wenn Menschen, die uns unser Alleinsein vergessen ließen, von uns gehen. Wer die Oberfläche des Alltags durchbricht und sich sein Alleinsein nicht nur zu Bewußtsein bringt, sondern auch bereit ist, diese Tatsache zu bejahen und anzunehmen, der erfährt, daß das Alleinsein neben seinen negativen Seiten auch positive hat. Denn hier begegnen wir dem Ewigen, erkennen wir uns selbst und finden wir den Weg zum anderen. Woher haben wir denn, was wir in die Gemeinschaft einzubringen haben? Daher hüte sich vor der Gemeinschaft, wer nicht allein sein kann. Somit stellt sich uns die Frage: Wie wollen wir im alter mit dem Alleinsein fertig werden, wenn wir vor ihm in jüngeren Jahren geflüchtet sind?

Deuten wir hier noch ein Drittes an. Wir meinen die Meditation. Während der betriebsame Mensch nach außen gerichtet ist und in Äußerlichkeiten seinen Halt sucht, schaut der meditierende Mensch nach innen. Alles, was äußerlich ist, läßt er los. So schenkt ihm die Meditation eine tiefe Gelassenheit. Man überdenke hier einige Sätze, die Hermann Hesse als 75jähriger geschrieben hat: “Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnis trägt und denen man sich mit dem Schwinden der Aktivität mit ganz anderer Teilnahme zuwendet als zuvor… Das Schauen, das Betrachten, die Kontemplation wird immer mehr zu einer Gewohnheit und Übung, und unmerklich durchdringt die Stimmung und Haltung des Betrachtenden unser ganzes Verhalten. Wir werden gelassener, nachsichtiger, und je geringer unser Verlangen nach Eingriff und Tat wird, desto größer wird unsere Fähigkeit, dem Leben der Natur und dem Leben der Mitmenschen zuzuschauen und zuzuhören, es ohne Kritik und mit immer neuem Erstaunen über seine Mannigfaltigkeit an uns vorüberziehen zu lassen, manchmal mit Teilnahme und stillem Bedauern, manchmal mit Lachen, mit heller Freude, mit Humor.” 92 Wo solches Meditieren von einem gläubigen Herzen ausgeht, da verwandelt es den Menschen im Verlauf der Zeit in jenen göttlichen Ursprung hinein, aus dem wir alle kommen und zu dem wir alle unaufhaltsam zurückkehren. Aus solcher Verwandlung stammt die Gewißheit, die der Psalmist mit den Worten beschreibt: Der Herr ist mein Hirt. Mir kann nichts fehlen. Und müßte ich gehen durch dunkle Schluchten, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir. Solche Glaubensgewißheit gewährt dem alten Menschen einen hoffnungsvollen Ausblick. Sie gibt ihm jenen Frieden ins Herz, der dem greisen Simeon zu eigen war. Weil seine gläubigen Augen in Jesus das uns entgegengekommene Licht Gottes schauten, starb er in Frieden.

Und siehe, es war in Jerusalem ein Mann namens Simeon; er war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und heiliger Geist war über ihm. Ihm war vom Heiligen Geist geoffenbart worden, er werde den Tod nicht sehen, bevor er den Messias des Herrn gesehen habe. Er kam im Geiste in den Tempel, und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um nach dem Brauch des Gesetzes an ihm zu tun, nahm er es in seine Arme, lobte Gott und sprach:
“Nun entlassest du deinen Diener, Herr, nach deinem Worte in Frieden; denn meine Augen haben dein Heil geschaut, das du bereitet hast im Angesicht aller Völker, ein Licht zur Offenbarung für die Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.”
Lukas 2,25-32


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